Alle reden vom Krieg, aber keiner redet vom Frieden

© 31.12.2015, Alexander Sigismund Gruber, Germany, bluewinds44@gmail.com

 

Alle reden vom Krieg, aber keiner redet vom Frieden

Zunächst möchte ich mit Bezug auf die syrische Opposition und Assad bemerken, dass es immer leicht ist Parteien zum Frieden aufzufordern, die einen selbst nicht bedrohen. Es kommt aber darauf an, gerade denen ein Friedensangebot im Interesse des globalen Friedens zu machen, die einen selbst bedrohen oder überhaupt die größte Bedrohung darstellen.
Was man von Gandhi auch im Sinne einer Realpolitik lernen kann ist sicher ein Prinzip der geringst möglichen Gewalt anzuerkennen, wenn man schon meint nicht völlig gewaltfrei sein zu können. Und die jetzige westliche Politik folgt einem solchen Prinzip nicht. Denn dazu würde es gehören auch dem Islamischen Staat eine Friedensmöglichkeit einzuräumen. Diesem Thema ist dieses Essay gewidmet und ich habe mindestens sechs gute Argumente für den Frieden.

Bereits vor dem 13ten November 2015 schrieb ich in meinem Essay über die NSA/CIA folgendes:

Ich hätte die Idee von Verhandlungen mit Bin Laden bereits 2010 unterstützt, als dieser sie angeboten hat (kam im Deutschlandfunk). Bin Laden war ein interessanter Mann, der westliche Literatur las und sich um die Bildung seiner Kinder kümmerte. Er wäre der richtige Gegner gewesen, um zu verhandeln. Meine Feinde im engeren Sinne sind diejenigen, die mich oder von mir geliebte Menschen töten wollen. Aber jeder, der seine Waffen sogar nur zeitweise nieder legt und während der Zeit der Verhandlungen keinen weiteren Angriff vorbereitet, der kann mein Gegner werden und nicht länger mein Feind. Und es sollte ein diplomatisches Prinzip werden, in diesem Fall Verhandlungen möglich zu machen. Terroristen sind keine Feiglinge, da sie als Selbstmordattentäter dem sicheren Tod entgegengehen. Sie können eben mit unseren modernen Waffen nicht anders mithalten. Deshalb machen sie das. Und jedes mal, wenn einer ihrer Anführer getötet wird, dann ist es die Regel, dass er durch einen schlimmeren ersetzt wird. Und jedes mal, wenn eine ihrer Organisationen zerstört wird, dann ist es die Regel, dass eine schlimmere ihr nachfolgt. Das ist das Resultat des Krieges gegen den Terror und dadurch werden Verhandlungen unmöglich gemacht (unsere eigenen zivilen und militärischen Opfer werden mehr, nicht weniger, in dieser Falle des Krieges).
Das tiefgreifende Hindernis für alle Verhandlungen ist, dass die Opfer vorangehender Kriegführung schwer auf den Herzen derjenigen lasten, die verhandeln wollen. Aber das trifft fast immer auf beide Seiten zu. Und lassen Sie mich Papst Franziskus zitieren, der am 24ten September, anlässlich seines Besuches in den USA, gesagt hat: „Den Hass und die Gewalt von Tyrannen und Mördern zu imitieren ist der beste Weg ihren Platz ein zu nehmen.“

Jetzt nach dem Anschlag am 13.11.2015 in Paris möchte ich diesen Abschnitt aus meinem in englisch geschriebenen Essay vom 2.10.2015 über die NSA/CIA noch konkretisieren.
Während des letzten Jahres hat laut Deutschlandfunk die Anzahl der Opfer bei Anschlägen islamistischer Gruppen in nicht-westlichen Ländern (also Afghanistan, Irak etc.) um 80% zugenommen (auf ungefähr 10 000 Tote pro Jahr). Seit Jahren eskaliert der Krieg gegen den Terror also. Die Luftangriffe auf dem Gebiet des Islamischen Staates werden nun erheblich intensiviert. Damit ist nach dem Anschlag in Paris und den Folgeanschlägen in Nordafrika eine weitere Eskalationsstufe erreicht. Es ist mit einem jahrelangen Bodenkrieg gegen den Islamischen Staat zu rechnen, weil das Staatenbündnis, das die Luftangriffe fliegt, selbst keine Bodentruppen bereit ist zu stellen. Ein weiterer Stellvertreterkrieg im Mittleren Osten. Es gibt kein Konzept für die Bodenoffensive, Assad wird sicher nicht das Blut seiner Soldaten für unsere Interessen opfern und er ist einfach als Verbündeter nicht annehmbar. Wie sollen den die Truppen Assads zusammen mit oppositionellen Truppen (also Gegnern Assads) gegen den Islamischen Staat kämpfen? Das ist eine Illusion. Der irakische Premierminister Abadi verwahrt sich gegen den Einsatz von US-Spezialeinheiten im Irak, weil er an den sunnitisch durchsetzten Gebieten, die der Islamische Staat im Irak besetzt hält, gar nicht interessiert ist. Der Westen kann nicht erwarten, dass die heterogenen Kräfte in der Region für ihn einen Stellvertreterkrieg führen (außer vielleicht die Kurden und diese sind zu schwach, um den Islamischen Staat zu besiegen). Der Islamische Staat hat zudem überall in Nordafrika Metastasen gebildet. Selbst wenn der Islamische Staat in Syrien und dem Irak besiegt werden kann, wird es weiter Terroranschläge in der Region und den westlichen Ländern geben. Mir kommt auch sehr verdächtig vor, dass in Zusammenhang mit den Luftangriffen gegen den Islamischen Staat nicht über die zivilen Opfer gesprochen wird. Die USA machen keine Angaben über zivile Opfer. Die Zeit Online spricht jedoch allein von 52 ziviler Opfer bei US-Luftangriffen auf ein Dorf nahe Kobani Anfang Mai 2015 [1]. Ich denke, dass die bittere Rechnung noch nachkommen wird, sollte das Gebiet, das der Islamische Staat besetzt hält, je freigekämpft werden. Die westliche Allianz gegen den Terror wird für den Tod von weit mehr unschuldigen Zivilisten verantwortlich gemacht werden, als der Islamische Staat je auf westlichem Boden umgebracht haben wird. Das stellt Bombenangriffe als legitimes Mittel der Kriegführung in solchen Konflikten grundsätzlich in Frage.

Im Grunde handelt es sich im Arabischen Raum um eine in Europa nach der Ausbildung der Nationalstaaten wohlbekannte Entwicklung, die zum Beispiel im Falle Russlands „Panslawismus“ genannt wurde. Das Ausgreifen nach Einigung unter ethnischen und kulturellen Vorzeichen unter der Ägide einer Führungsnation. Man hat es also eigentlich mit einem panarabischen Nationalismus oder Panarabismus zu tun, der nur entlang der Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten politisch und kulturell gebrochen ist. Ich bin der Meinung, dass sich diese Entwicklungsphase der Arabischen Welt nicht aufhalten lässt. Ich bin allerdings der Meinung, dass mit dem Islamischen Staat über ein Kalifat in bestimmten Grenzen auf syrischem und irakischem Territorium verhandelt werden sollte. Die Situation ist eigentlich günstig für solche Verhandlungen, da beide Seiten schwere Niederlagen erlitten haben und somit auf beiden Seiten die Sinnlosigkeit des Krieges einsichtig werden kann.
Abu Bakr al-Baghdadi, der derzeitige „Kalif“ des Islamischen Staates, wäre insofern ein günstiger Gegner für solche Verhandlungen, weil er sich selbst zu relativieren weiß. Anlässlich seiner Wahl zum Kalifen 2014 hat er sinngemäß gesagt: „Ich bin nicht der Beste, aber ich nehme die Aufgabe an.“ Ich finde, dass mit so einem Mann verhandelt werden kann.
Die Menschheit hat heute große Aufgaben zu bewältigen. Die soziale Frage von Armut und Hunger, die humanökologische Frage, zu der Umweltzerstörung, Klimawandel und Überbevölkerung gehören. Die Menschheit braucht Frieden, um diese Fragen adäquat zu beantworten. Darüber würde ich mit al-Baghdadi zuerst reden.

Nun sind gerade Massengräber des Islamischen Staates im Nordirak gefunden worden. Widerspricht dies nicht meinem Vorschlag von Verhandlungen? Ich denke man muss die Alternativen sehen. Die Türkei, Saudi Arabien und Katar haben selbst mindestens bis 2012 radikale, islamistische Gruppen finanziell unterstützt, aus denen sich später der Islamische Staat formiert hat. Dies geschah mit der Absicht das Assad Regime zu stürzen [2]. Solche Staaten sind keine geeigneten Verbündeten im Kampf gegen den Islamischen Staat. Ich hatte oben bereits dargestellt auf was man sich einlässt, wenn der Krieg fortgesetzt wird. Und schließlich muss hier die verfehlte Politik der USA in der Region erwähnt werden. Die USA haben durch zwei Kriege die Region destabilisiert und die Hemmschwelle zum Töten ständig gesenkt. Vom eher säkularen Panarabismus eines Saddam Hussein haben sie die Region in den religiös aufgeladenen Panarabismus des Islamischen Staates getrieben. Fraktion der US-Elite, die diese Projekte betrieb, hat dagegen eine ganze Reihe von Vorteilen von diesen Kriegen gehabt: die horrenden Rüstungseinahmen, die Rechtfertigung, jetzt die ganze Welt zu observieren, die Ablenkung von den eklatanten sozialen Problemen im Inneren, die Verhinderung der Entstehung einer technologiefähigen, militärischen Konkurrenz im Mittleren Osten und letztendlich den ungehinderten Zugang zu den Ölreserven des Irak. Deshalb „mussten“ diese Kriege letztendlich geführt werden, jenseits einer friedlichen Abwendbarkeit der Terrorgefahr. Langfristig wurde eine Politik gemacht, die islamistische Terrorgruppen für dubiose geopolitische Ziele unterstützte. Ab September 2013 hat die CIA die Freie Syrische Armee mit Waffen versorgt, um eine Niederlage der Opposition gegen Assad zu verhindern, die von einem General der Freien Syrischen Armee vorausgesagt worden war. Innerhalb eines Jahres danach sickerten Kämpfer und Waffen der Freien Syrischen Armee in den Islamischen Staat ein. Teilweise wurden die Waffen verkauft [4]. Sogenannte „gemäßigte“ Rebellen und radikale Terrorgruppen lassen sich nicht trennen. Die Freie Syrische Armee ist zu sehr unter militärischem und finanziellem Druck, um ein zuverlässiger Partner des Westens zu sein. Diese verfehlte Politik der USA hat eine lange Geschichte.

Im Le Nouvel Observateur vom 15.-21.1.1998 erklärte der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, Zbignjew Brzezinski, auf die Frage, ob er die Unterstützung der afghanischen Mudschahedin gegen die Sowjetunion angesichts des sich daraus entwickelnden islamisch-fundamentalistischen Terrors heute bedauere:

„Was bedauern? Diese geheime Operation war eine hervorragende Idee. Sie hatte den Effekt, dass die Russen in die afghanische Falle tappten und Sie wollen, dass ich dies bedauere? Am Tag, als die Sowjets offiziell die afghanische Grenze überschritten, schrieb ich Präsident Carter, dem Sinne nach: Wir haben jetzt die Möglichkeit, der UDSSR ihren Vietnamkrieg zu bescheren.“ Der französische Interviewer fragt ungläubig nach: „Und Sie bedauern auch nicht, dass Sie islamische Fundamentalisten unterstützt haben, dass Sie zukünftigen Terroristen Waffen und Ausbildung verschafft haben?“ Der Sicherheitsfachmann weißt ihn zurecht: „Was ist wichtiger für die Weltgeschichte? Die Taliban oder der Kollaps des Sowjetreiches? Einige übergeschnappte Moslems oder die Befreiung von Mitteleuropa und das Ende des Kalten Krieges?“ [12]

Die Fehleinschätzung Brzezinskis ist heute unübersehbar. Die USA verweigern sich immer wieder eine Politik der militärischen Trixereien und der Arroganz der Macht durch konsequente Friedenspolitik zu ersetzen. Warum wurde die geplante Pipeline durch Afghanistan nicht genutzt, um die Taliban von der Al Kaida ökonomisch zu spalten? Warum wurden die Verhandlungen zwischen den Taliban und der pakistanischen Regierung durch fortgesetzte Killer-angriffe auf Führer der Taliban mit Drohnen auf pakistanischem Territorium unterminiert? Dabei sind die Taliban doch Sunniten und der Islamische Staat das sind Sunniten. Da ist doch klar, dass diese beiden Gruppen sich unter militärischem Druck zusammenschließen. Die USA erzeugen immer wieder den Widerstand, der dann mit dem Blut unserer Menschen erst bekämpft werden muss, bzw. das Blut unserer Zivilisten wird in den Gegenangriffen geopfert. Der Afghanistankrieg und der Irakkrieg haben um die 500 000 Tote in der Region hinterlassen [3]. Diese Katastrophe hat die Hemmschwelle zum Töten in der ganzen Region gesenkt. Sie hat sich in die Gewalttätigkeit des Islamischen Staates transformiert. Vieles, was der Islamische Staat heute macht, kann als Provokation gegen die Übermacht und Einmischung des Westens, als Resultat der Katastrophe dieser beiden Kriege verstanden werden. Das Terrorregime des Islamischen Staates auf seinem Territorium ist eine Bedingung, um die Disziplin aufrecht zu erhalten, die es ermöglicht der Übermacht des Westens mit seinen ständigen Bombenangriffen zu widerstehen. Ich denke, dass sich die religiöse Militanz des Islamischen Staates im Verlauf eines Friedensprozesses, indem dessen Ziel eines Kalifates anerkannt würde, zum besseren verändern würde. Nötig ist eine Politik der Deeskalation, der Deradikalisierung durch den Westen. Das sind wir auch den Menschen in der Region schuldig, die Frieden wollen, die in Ruhe leben wollen. Saddam Hussein im Irak und das Regime der Taliban in Afghanistan waren bestimmt kein Schmuck der Menschheit, aber man konnte in diesen Staaten relativ normal leben. Es geht hier doch nicht um völkerrechtliche Spitzfindigkeiten, sondern um den Unterschied zwischen einem Kriegskonzept und einem Friedenskonzept.
Ich habe noch mehr zu diesen Themen in meinem Essay über die NSA/CIA geschrieben, das ich Ihnen als Anlage ebenfalls beifüge [5]. Außerdem kann ich Ihnen ein weiteres Essay speziell zur US-Außenpolitik zukommen lassen, in dem der Strategie des „No Rivals Planes“, des Planes der USA die dominierende Weltmacht zu sein, begegnet wird.

Wenn man die Grausamkeit der Kriegsführung des Islamischen Staates mit dem Westen vergleicht, dann darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden, dann darf man nicht auf dem einen Auge blind sein. Ich möchte hier an die unzähligen zivilen Opfer des Einsatzes von Uranmunition erinnern. Die Folgen dieses Einsatzes werden ja von offiziellen Berichten geleugnet. Aber ich habe eine zuverlässige Quelle gefunden, auf die ich mich hier beziehen will. DerKongressabgeordnete Jim McDermott schrieb im Oktober 2002:

„Ich habe mit meinen Kollegen die südliche Stadt Basra bereist, wo wir von Ärzten hörten, dass die erste Frage einer Mutter nach der Geburt nicht ist, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, sondern ob es normal ist oder nicht – weil die Rate von Geburtsfehlern so hoch ist. Viele Menschen denken, dass die hohen Raten von Geburtsfehlern, himmelschreiende Raten von Leukämie und anderer Krebsarten, mit der Munition aus abgereichertem Uran zu tun haben, die unser Militär so effektiv während des Krieges vor 12 Jahren angewendet hat. Viele unserer eigenen Golf-Veteranen – und ihre Kinder – leiden ebenfalls unter höher als normalen Krebsraten und Geburtsfehlern.“ [8]

Das wissen die Iraker natürlich und das spricht sich herum. Und keinerlei Kompensation für die Opfer. Das erzeugt ohnmächtigen Hass und wird so wieder zu einem der Gründe, warum gegen die USA und damit gegen den Westen gekämpft werden muss. Die USA haben damit die Menschen für geringfügige militärische Vorteile gegen sich auf gebracht (mehr eigene Soldaten sind damit geopfert worden und nicht weniger).
Aber unsere Medien haben bisher immer nur von den sicher schrecklichen aber wenigen Enthauptungen von westlichen Personen gesprochen. In Saudi Arabien, unserem Verbündeten gegen den Islamischen Staat, wurden allein in diesem Jahr bisher 130 Hinrichtungen durchgeführt.

Lassen Sie mich auch von den ökonomischen und demographischen Gründen für den Erfolg des Islamischen Staates sprechen. Von den eigentlichen treibenden Kräften hinter der Krise des Arabischen Frühlings. In der Tat war das Bevölkerungswachstum in den Ländern des Arabischen Frühlings hoch, ich meine die Bevölkerung, die 2010, zu Beginn des Arabischen Frühlings, auf den Arbeitsmarkt gedrängt ist. Das Bevölkerungswachstum lag zwischen 1980 und 1990 für ganz Nordafrika bei einem Durchschnitt von 2,70% jährlich, für Libyen bei 3,2% und für Syrien bei 3,3% jährlich. Hierzu sei bemerkt, dass ein Wachstum von 2,88% jährlich zu einer um ein drittel erhöhten Bevölkerungszahl nach einem Jahrzehnt führt. Solch eine Welle von Bevölkerung drängte in dem Jahrzehnt vor dem Arabischen Frühling auf den Arbeitsmarkt. Derweil waren auch die ökonomischen Wachstumsraten hoch, zwischen den Jahren 2006 und 2010 zum Beispiel für Libyen bei einem Durchschnitt von 2,74% und für Syrien ergibt sich für die Jahre zwischen 2001 und 2010 ein reales Wachstum von 3,76% jährlich [9]. Das Wirtschaftswachstum lag also bestenfalls wenig über dem Bevölkerungswachstum. Und es scheint, dass das Bevölkerungswachstum die Toleranz der lokalen Eliten in humanitäre Projekte zu investieren, statt sich das Geld in die eigene Tasche zu stecken, überschritten hat. Ich habe diesen Punkt noch in anderer Hinsicht kommentiert [10]. Es gab sicher auch politische Gründe für den Arabischen Frühling, aber dies ist die materielle Basis dafür, dass die fragile Akzeptanz der Regime, solange es den Menschen nur ökonomisch besser ging, für die Gesamtbevölkerung zusammen brach. Dieser Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum wird von sogenannten „kritischen“ Autoren regelmäßig unterschlagen (siehe zum Beispiel [11]).
Dann ist das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in der Region von 4,2% jährlich noch im Jahre 2010 auf 2,2% jährlich im Jahre 2011 gefallen. Die Lebensmittelinflation liegt heute bei 14% jährlich in Libyen und 40% in Syrien. Das macht diese Länder so anfällig für die Rekrutierung des Islamischen Staates. Die Westliche Welt hat eine Verantwortung gegenüber den Menschen. Sie kann nicht all diese Opfer der Armut in den Staub bomben, die sich jetzt aus diesen Gründen dem Islamischen Staat anschließen.
Außerdem wäre meine neue, globale Finanzarchitektur die richtige und notwendige Antwort auf diese Probleme, um die Region zu stabilisieren. Ich denke, dass die Westliche Welt mit diesem ökonomischen Projekt in einer friedlichen Konkurrenz der Kulturen bestehen kann. Und meine neue, globale Finanzarchitektur würde auch eine Grundlage für die Altersversorgung in der dritten Welt unabhängig von der eigenen Kinderzahl schaffen.

Lassen Sie mich meine Argumente für einen Frieden mit dem Islamischen Staat hier zusammenfassend kurz auflisten:

1) Eigene Opfer.

2) Opfer in der Region durch den Islamischen Staat.

3) Zivile Opfer der eigenen Bombenangriffe (wiegt sehr schwer).

4) Panarabismus, der mit legitimen Mitteln nicht aufgehalten werden kann.

5) Überbevölkerungskrise, Rekrutierungserfolg des Islamischen Staates aus Armut.

6) Eigene Schuld an der Entstehung des Islamischen Staates durch den Afghanistankrieg und den Irakkrieg (Hemmschwelle zum Töten in der ganzen Region gesenkt, 500 000 Tote hinterlassen, Uranmunition).

7) Abhängigkeit der Politik von zweifelhaften Verbündeten und der eigenen (Auf-)Rüstung, Eskalation der Gewalt auf der Erde.

8) Der Islamische Staat würde sich in einem Friedensprozess wesentlich transformieren (ein wichtiger zusätzlicher Punkt).

Ich will mich hier kurz fassen und nur noch bemerken, dass es nach einem Anschlag, wie dem in Paris, immer populär ist den Krieg aus zu rufen. In einer solchen Situation braucht es mindestens eine Stimme, die vom Frieden spricht. Ich beanspruche nicht die Patentlösung bereit zu halten, die alle Probleme löst. Dazu ist das Knäuel von Problemen gerade auch durch die verfehlte Außenpolitik der USA zu dicht geworden. Aber ich will eine solche Stimme sein, die an die Option des Friedens erinnert, trotzdem und entgegen dem, dass alle vom Krieg reden. Ich denke, dass Verhandlungen mit dem Islamischen Staat wenigstens einen Versuch wert sind. Geben Sie dem Frieden eine Chance!

 

QUELLEN UND KOMMENTARE:

[1] Die Zeit Online: „Beobachter melden zahlreiche tote Zivilisten durch US-Luftangriffe“, 2.5.2015, http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/kobane-syrien-luftangriff-usa-islamischer-staat-opfer-zivilisten

[2] DEPARTMENT OF DEFENSE INFORMATION REPORT, NOT FINALLY EVALUATED INTELLIGENCE – COUNTRY: IRAQ, August 2012, http://www.judicialwatch.org/wp-content/uploads/2015/05/Pg.-291-Pgs.-287-293-JW-v-DOD-and-State-14-812-DOD-Release-2015-04-10-final-version11.pdf

[3] The Washington Post, John Tirnam: “Why do we ignore the civilians killed in American wars?”, January 6, 2012, https://www.washingtonpost.com/opinions/why-do-we-ignore-the-civilians-killed-in-american-wars/2011/12/05/gIQALCO4eP_story.html

[4] COUCHVIDEOS.COM: „ISIS – Islamischer Staat! Made by USA! Die Wahrheit über den IS“, mit Ben Swann, investigativer Journalist, http://www.couchvideos.com/community/fb5c69bb6e081a103ebf307b7868f5bb?utm_medium=sp&utm_source=fb_a&utm_campaign=hist&utm_content=daesh

[5] Alexander Sigismund Gruber: “THE NSA/CIA TRUST – THE LACONICISM OF AN EMPIRE (The Common Threats by Modern Secret Services and What People Can Do About It)”, 2.10.2015, https://dreamscultureblog.wordpress.com/2015/10/17/the-nsacia-trust-the-laconicism-of-an-empire/

[6] Foreign Policy Journal, Jeremy R. Hammond: “Newly Disclosed Documents Shed More Light on Early Taliban Offers, Pakistan Role”, September 20, 2010, http://www.foreignpolicyjournal.com/2010/09/20/newly-disclosed-documents-shed-more-light-on-early-taliban-offers-pakistan-role/

[7] Third World Traveler, Craig Rosebraugh: „Don’t Mess with UNOCAL – The war on terrorism may really be a battle over oil“, Toward Freedom magazine, January 2002, http://www.thirdworldtraveler.com/Central_Asia_watch/Don’t%20Mess_Unocal.html

[8] „Congressman Jim McDermotts Remarks on House Joint Resolution 114, To Authorize the Use of United States Armed Forces Against Iraq“, 10. Oktober 2002.

[9] Das reale Wirtschaftswachstum in Syrien vor dem Arabischen Frühling entnehme ich den folgenden Daten, die ich bei “Trading Economics” gefunden habe. Dort ist als Quelle die syrische Zentralbank angegeben.

Syrien, BIP bei konstanten Preisen. 2001: 950245 Millionen SYP, 2010: 1469703 Millionen SYP.

100 / 950245 = x / 1469703 ergibt: x = (1469703 / 950245) * 100 = 154,7%.

Während der Dekade zwischen 2001 und 2010 ist das inflationsbereinigte BIP in Syrien also um 54,7% gewachsen.

Die jährliche Wachstumsrate erhält man dann durch den exponentiellen Ansatz:

1,547 = 1 * exp(y * 10 Jahre),

wobei y die jährliche Wachstumsrate ist. Dies ergibt:

ln(1,547) = ln(exp(y * 10 Jahre))

ln(1,547) = y * 10 Jahre

y = ln(1,547) / 10 Jahre = 3,76% pro Jahr.

Folglich lag das reale Wachstum in Syrien nur knapp über dem Bevölkerungswachstum von 3,3% jährlich (bezüglich der Bevölkerung, die den Arbeitsmarkt in dem Jahrzehnt vor 2010 erreicht hat).

[10] Ich glaube den Flüchtlingen, die da sagen: „Wir sind hier, weil Ihr unsere Heimat zerstört.“, muss einmal ihr Weltbild etwas zurecht gerückt werden. Es ist ihr eigenes Reproduktionsverhalten, das in ihren Ländern die Krisen verursacht hat. „Land Grabbing“ ist eine Folge des Bevölkerungswachstums. Denn es gehören immer zwei dazu, einer der kauft und einer der verkauft.
Wegen des Bevölkerungswachstums haben afrikanische Länder nach dem Scheitern der Verhandlungen in der WTO 2012 bilaterale Verträge zum Investorenschutz abgeschlossen, um Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zu schaffen. Wegen dem Bevölkerungswachstum verkaufen afrikanische Familien ihr Land, weil es als bäuerliche Existenzgrundlage für eine so große Familie nicht mehr reicht.
Die Unterschlagung dieses Faktors nenne ich „intellektuelle Korruption“ (um mal das Thema Korruption anders als auf die Eliten zu beziehen).
Eine erneute Flüchtlingswelle ist wegen der Folgen des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten. Dies hat der Westen tatsächlich wesentlich mit verschuldet. Aber hierbei gilt auch: Es wären hunderttausende oder sogar Millionen Klimaflüchtlinge weniger, wenn es Feministinnen nicht gelungen wäre auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 das Kriterium geringeren Bevölkerungswachstums von der Agenda für nachhaltige Entwicklung zu streichen.

[11] Muhammed Kürsad Özekin, Hassan Hüseyin Akkas: “An Empirical Look To The Arab Spring: Causes And Consequences”, https://www.ciaonet.org/attachments/27513/uploads

[12] Eine Textsammlung herausgegeben von Ottmar Lattorf, Köln im Dezember 2001, „Terrorismus, Öl und die geheime Außenpolitik der USA“, Band 2.
Darin Seite 56, in Fred Schnid, Conrad Schuhler: „Krieg ums Erdöl – Das Schwarze Gold wird knapp“.

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